Streitkultur

Dem Streit entkommt man nicht. Schließlich will jede und jeder von uns zumindest manchmal oder auch ständig gewinnen und besser, schneller, schlauer als andere sein. Logisch ist daher beim Streiten, dass im Normalfall letztlich immer eine Seite oder eine Position verliert. Vom meist friedlichen Wettstreit bei Sport oder Spiel über den oft verbissen ausgetragenen Rechtsstreit bis zum offenen, auch bewaffneten Konflikt. Das gilt selbst bei belanglosen Streitereien „um des Kaisers Bart“ oder wenn ich nur mit mir selbst im Widerstreit der Gefühle liege. Auch verschiedene politische Sichtweisen und daraus resultierende Regeln für das tägliche Leben führen nur selten zu konstruktivem und kooperativem Handeln. Folglich sehen wir Streit an sich prinzipiell als etwas Negatives, das es nach Tunlichkeit zu meiden gilt, dem man „aus dem Weg gehen“ sollte. Aber warum eigentlich? Ist die Suche nach den jeweils Besten ihres Fachs bzw. nach neuen, immer noch besseren Ideen oder Lösungen nicht höchst positiv und sogar zwingend erforderlich?

Da zeigt sich auch ein Spezifikum speziell der österreichischen Seele: die Miss(be)achtung oder gar Verfolgung von Verlierern. Schon die Sportler·innen oder Künstler·innen gleich hinter den glänzenden Sieger·innen werden kaum beachtet, ihre gemessen am Rest der Welt ebenso herausragenden Leistungen werden oft sogar verspottet oder von selbsternannten Fachleuten hemmungslos kritisiert. Noch schlimmer ergeht es jenen, die sich unternehmerisch versuchen; wirtschaftlicher Misserfolg wird bei uns gerichtlich geahndet, statt – wie vor allem in den USA – als lobenswerter Versuch anerkannt, etwas Neues aufzubauen oder einer Vision zum Durchbruch zu verhelfen. Kein Wunder, dass man auch in der Politik um jeden Preis gewinnen will, wenn der Kompromiss nicht als ein Schritt auf das Ziel zu, sondern prinzipiell als Nichterreichen desselben gesehen wird.

Betrachtet man jede Art von Streit als ganz normalen Prozess zur Klärung von besser oder schlechter, richtig oder falsch, so sollte diese uns alle wahrscheinlich fast täglich betreffende Aktion von einer Kultur der optimalen Ergebnisfindung getragen sein. Aber ist das tatsächlich unser Zugang oder auch nur unsere Ambition? Ist es nicht so, dass immer wieder unter dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ Fakten durch Emotionen überlagert werden, Sachargumente durch Angriffe auf die dieselben präsentierende Person pariert werden, statt mit schlüssiger Widerrede? Sind also eher derartige Vorgehensweisen die von uns akzeptierte und praktizierte Streitkultur?

Bei Kindern endet die Streitbeilegung mit Versöhnung: man „ist wieder gut“. Bei Verhandlungen auf allen Ebenen bedeutet ein gutes Ergebnis, dass beide Parteien (die „Verhandlungspartner“; eine Bezeichnung, die ja das gemeinsame Interesse der Beteiligten unterstreicht) sich als erfolgreich sehen (können). Egal ob es um Lohnverhandlungen oder Scheidung geht. Das funktioniert jeweils aber nur, wenn wechselseitiger Respekt vorhanden ist. Schon wieder so eine schwierige Geschichte. Aber zweifellos kommt man im oder auch nach einem Streit mit Anerkennung für einen Gegner oder gar Feind eher zu einer brauchbaren Lösung.

Abseits vom Konkreten, Persönlichen oder Materiellen hebt die Auseinandersetzung um die richtige Interpretation der Welt, die Qualität von (neuen) Ideen oder gar eine gültige Sicht auf das Jenseits den Streit und dessen „Wie“ [also seine Kultur] auf eine Metaebene. Philosophie und Religion gehören hier her. Und es verwundert nicht, dass in der Geschichte immer wieder solch intellektuelles Kräftemessen nicht nur mit Geist und Verstand ausgetragen wurde, sondern oft in handfesten Konflikten endete und leider auch häufig sogar zu kriegerischen Auseinandersetzungen führte. Das muss uns wohl zu denken geben. Weil sich hier deutlich zeigt, welche Verantwortung wir auch schon bei unbedeutend scheinenden Meinungsverschiedenheiten dafür haben, uns – egal in welchen der kursorisch gestreiften Bereiche und darüber hinaus – einer möglichst konstruktiven Streitkultur zu befleißigen.

FORUM

2 Kommentare
  1. Univ.-Prof. Dr. Dr. Gerhard E. Ortner sagte:

    O weh, schon wieder so ein schönes Wort, dass zur allgemeinen Nichtverständigung beiträgt. Kultur ist der „GegenBegriff“ zu Natur – und sonst nichts. Gibt’s eine StreitNatur? Der SchreberNachbar von nebenan? Der hat eine. Und wir kontern mit StreitKultur. Es gibt weder eine Natur des Streites noch eine Kultur. Aber das Wort – besser die „ZeichenKette“ – die gibt es. Gemeint ist die Art und Weise, wie man eine – für LebeWesen vom Typ „Mensch“ natürlich unvermeidbare – Auseinandersetzung austrägt. Streit ist ja schon einer Steigerungsform des Disputes, der wieder auf einer Meinungsverschiedenheit gründet. Das gehört alles schon zur Kultur. Bitte lasst die Bezeichnung „Kultur“ dort, wo sie hingehört – und vermeidet ihre Inflation. Das macht die „streitige Auseinandersetzung“ nicht besser. Und dass man obszöne Beschimpfungen vermeiden sollte, gehört eigentlich zum personalen Bewusstsein und muss nicht gleich wieder mit Kultur hochgejazzt werden. Besser als alle StreitKultur ist StreitVermeidung. Ich weiß schon, geht nicht immer, gehört eben zu unserer Kultur, allerdings generell, nicht zu einer „StreitKultur.“ Unstrittig freundliche Grüße an alle LeserInnen, so es solche geben sollte. Der liebe GEO

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  2. Gunar Letzbor sagte:

    Wenn Streit mit Versöhnung endet, ist nichts dagegen einzuwenden. Luft wird abgelassen und Argumente werden ausgetauscht.
    Wie arm wäre die Musikgeschichte ohne dem Concerto!
    Saluti
    Gunar

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