Leitkultur?!

Es geht um meine Freiheit. So zu leben, wie ich will. In einem Rahmen definierter, aber auch ungeschriebener Regeln, in meinem gewohnten, mir entsprechenden Umfeld. Und wenn ich das alles irgendwie auch nur gefühlt bedroht sehe, dann muss ich verhindern, dass man mir auch nur eventuell meine Identität, meine Heimat wegnimmt oder gar ruiniert. Logisch, oder?

Was aber verteidige ich da und warum? Geht es dabei wirklich nur um die Vorgaben von Verfassung und Menschenrechten? Oder um Oberflächliches wie Schnitzel, Tracht und Blasmusik versus Multikulti? Wenn mir Werte wichtig erscheinen, welche sind das? Will ich von mir als gültig erkannte religiöse oder ideologische Prinzipien schützen? In jedem Fall wäre es wohl angebracht, sich dieses persönliche Gerüst an Wichtigem bewusst zu machen.

Als soziales Wesen werde ich sodann die Gemeinschaft Gleichgesinnter suchen. Um herauszufinden, ob ich mit meinen Wahrnehmungen eher allein oder mehrheitsfähig bin, ob ohnehin alles nicht so schlimm ist oder ob es erforderlich ist, gemeinsam oder selbst entsprechend aktiv zu werden. Wenn es notwendig scheint, Handlungen zu setzen gilt es zu klären, ob diese Stärkung der eigenen Weltsicht sein sollen oder sich gegen jene und alles richten müssen, die und das als tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung der kulturellen Eigenart erkannt wurden.

Also brauchen wir wohl in jedem Fall zunächst eine konkrete Definition dessen, was unsere persönliche aber auch gemeinschaftliche Welt ausmacht. Erst dann kann man daran gehen zu klären, ob dieses Weltbild dominant sein muss, soll oder darf und vor allem wo und warum. Der Vorwurf des Kolonialismus bezieht sich in diesem Zusammenhang auf das Naturrecht des Stärkeren. Kann es sein, dass Europa als kulturelles Konstrukt durch den Zuzug von in ihrem Selbstverständnis gefestigteren Gruppen aus anderen Weltgegenden tatsächlich unter Druck kommt? Was würde das bedeuten? Willkommene Bereicherung bzw. Veränderung oder zu befürchtende Verdrängung bis hin zur Überwältigung?

Wenn das Naturrecht der ersten am Platz auch das Gastrecht umfasst, haben dann Gäste nicht genauso die Interessen der Gastgeber zu berücksichtigen? Wo ist Integration eine Form der Anpassung hin zur Assimilation, wo wird sie zur kulturellen Aneignung bzw. Selbstaufgabe, wann wird der Kulturaustausch vom freundlichen, wechselseitigen Kennenlernen und Verstehen zur zumindest gefühlten existenziellen Bedrohung?

Leitet das Festschreiben eines Kanons kultureller Eigenarten mich an, mir die wahren Parameter meiner und unserer Lebensweise besser zu erkennen und bewusst zu machen, zu würdigen und als identitätsstiftend zu begreifen? Oder geht es um Abgrenzung gegenüber allen und allem, das diesem trotz aller möglichen Ankerpunkte letztlich doch diffusen Imago nicht entspricht? Ist es nicht ein ganz wesentliches Merkmal unserer Kultur, wie wir Fremdes an uns heranlassen, einordnen, damit umgehen?

Sich damit zu beschäftigen, welche tatsächlich die Eckpunkte und wesentlichen Normen bzw. Erscheinungsweisen unseres Wohlbefindens im täglichen Leben sind, ist dringend notwendig, um zu einem greifbaren Selbstverständnis zu kommen. Entscheidend ist aber dann, was wir auf dieser Basis tun, wenn es zur Begegnung mit anders gelagerten Weltbildern kommt. Bis wohin ist Toleranz geboten, wann wird diese zur Aufgabe der eigenen Werte? Bis wohin wollen wir gehen, vielleicht um des lieben Friedens willen?

Ist Friede für uns nur das Fehlen direkt sichtbarer Gewalt? Wären wir bereit, für unsere kulturellen Werte auch unser Leben einzusetzen, wie andere dies seit Jahrtausenden immer wieder getan haben und auch heute tun? Wenn Freiheit und Rechte absolut zu setzen sind, wird da alternativloser Pazifismus nicht zur Selbstaufgabe in unfreier Friedhofsruhe?

Nein, Kultur ist nicht auf der Ebene von wie immer gearteter Folklore abzuhandeln; sie ist in letzter Konsequenz eine wahrlich todernste Sache, die jede und jeden von uns zwingt, Stellung zu nehmen. Unsere Art zu leben hat sicherlich viele freundliche Facetten. Aber wenn uns Kultur leiten soll, dann müssen wir auch bedenken, wohin das führen kann.

FORUM

1 Kommentar
  1. Helmut MIEHL sagte:

    Natürlich sind die hinter dem Suchen nach einer heimischen LEITKULTUR versteckten Ängste einer „Vereinnahmung “ durch fremde Kulturen, die (hoffentlich) vor allem bei (Teilen der ) der älteren Generation herrschen, nicht ganz unverständlich.
    Die bisherigen Versuche nach einer Präzisierung dieser Leitkultur zeigen aber insoferne die Ungeeignetheit dieses Begriffes für die durchaus notwendige Diskussion über Probleme im Zusammenleben verschiedenster Kulturen, als alle bisherigen Leitkulturausformungen sich eigentlich als alte christliche bzw. christlichabergläubische Bräuche erwiesen.
    Tatsächlich ist jedoch der Großteil der angestammten Bevölkerung bereits viel zu laizistisch, um diese zwar als nett empfundenen Bräuche wirklich als so entscheidend für ihr Leben zu empfinden.
    Darüberhinaus scheint mir, dass hierzulande das Recht auf Religionsfreiheit grundsätzlich kaum bezweifelt wird, womit die Zuspitzung der Leitkulturfrage als im wesentlichen christlich religiös motiviert ins Leere führt.
    Zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Zusammenlebens sollten daher die geltenden Gesetze genügen.

    Allerdings muss man zur Kenntnis nehmen, dass Teile der Zugewanderten Gebräuche mitbringen, die von vielen aufgeklärten Menschen als nicht wünschenswert erachtet werden, die man aber auch kaum mit unserem Rechtssystem verhindern kann.
    Beispiele dafür: die Nichtgleichstellung der Frauen in der Familie – wobei beispielsweise der Islam Frauen zwar durchaus mit Respekt behandelt, aber natürlich nicht vergleichbar mit einer partnerschaftlichen Beziehung.
    Dieses Beharren auf Jahrhunderte alte Traditionen führt tw. leider auch zu einer bildungsfernen
    Einstellung – gottgefälliges Verhalten kennt keine Versuche, die durch Geburt zugewiesene gesellschaftliche Stellung zu verändern. Und gar nicht akzeptieren können wir als säkularisierte Gesellschaft, wenn religiöse Vorschriften als wichtiger angesehen werden als unser Rechtssystem.
    Was können wir als „westliche “ Gesellschaft dagegen tun ? Uns wohl in erster Linie an unsere
    Tugend der Toleranz erinnern – und die Hoffnung hegen, dass wieder einmal aus dem
    Zusammentreffen verschiedener Kulturen sich Positives entwickelt.
    Dass in diesem Zusammenhang von den Herrschenden der Herkunftsländer Druck auf die Diaspora ausgeübt wird, ihre alten Traditionen nicht aufzugeben, ist jedoch auch nichts Neues.

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