Antonio Cesti: Il pomo d’oro

Im Juni 1989 wurde im Rahmen des Festivals „Spectaculum“ (1977-99; Leitung: F. E. Dostal [Gesellschaft für Musiktheater]) im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien die Festoper (Festa Teatrale) „Il pomo d’oro“ [Der goldene Apfel] von Antonio Cesti aufgeführt. Man spielte auf historischen Instrumenten, die Leitung hatte Gerhard Kramer (begeisterter Musiker, im Brotberuf Richter am Verwaltungsgerichtshof sowie auch Musikkritiker u.a. bei der Tageszeitung „Die Presse“), die immerhin 47 Rollen teilten sich 27 Sängerinnen und Sänger, darunter Stars der Szene wie Kurt Equiluz. Dieses exzessive Ereignis (im Internet finden sich noch Mitschnitte davon) ließ bei Martin Haselböck und dessem gerade gegründeten Orchester „Wiener Akademie“ den Wunsch nach einer imposanten, auch szenischen Präsentation entstehen. Der Regisseur Niki List – damals mit seinem Kultfilm „Müllers Büro“ (1986) auf Erfolgskurs – konnte für das Projekt begeistert werden. Gescheitert ist die Idee an der Nichtverfügbarkeit der Winter-Reitschule als adäquatem Aufführungsort; diese war damals im Sommer zwar leer, aber gesperrt, weil man unbedingt ausführlich die Luster putzen musste. Und überhaupt …

Auf der Suche nach der bedeutendsten Barockoper österreichischer Provenienz im Zusammenhang mit der Millenniums- Ausstellung „Die Botschaft der Musik – 1000 Jahre Musik in Österreich“ des KHM (Kunsthistorisches Museum) 1996 im Wiener Palais Harrach war auch vor diesem Hintergrund klar, dass es dieses Werk sein musste. Erich Eibl, Illustrator, Karikaturist und Opernfreund steuerte ein entsprechendes Tableau bei. Bis heute ist allerdings kein weiterer Aufführungsversuch dokumentiert. Also wollen wir hier mit einigen Hinweisen für einen solchen Mut machen.

Hintergründe

Eigentlich sollte Leopold I. (1640-1705) als zweitgeborener Sohn von Ferdinand III. Bischof von Passau werden, doch als sein älterer Bruder Ferdinand IV. und auch sein Vater überraschend starben, wurde entsprechend umdisponiert und Leopold übernahm 1658 die Regentschaft. Das erklärt vielleicht, warum er erst mit 26 Jahren – für damalige Verhältnisse recht spät – seine erste Ehe mit der spanischen Infantin Margarita Teresa (1651-1673) schloss. Die Braut wurde optisch sorgfältig ausgewählt (mehrere ihrer Portaits von Diego Velázquez sind im KHM zu sehen), der grimmige Inzest (Leopold war zugleich Margaritas Cousin und Onkel) war kein Hindernis.

Um die Vermählung „kaiserlich“ zu feiern – schließlich galt es, mit den Festen des etwa gleichaltrigen und verwandtschaftlich verbundenen französischen Königs Ludwig XIV. zumindest gleichzuziehen; wenn schon nicht auf dem Schlachtfeld, dann wenigstens bei künstlerischer Opulenz – wurden eine ausufernde Oper und der Bau eines entsprechenden Opernhauses in Auftrag gegeben. Beides war allerdings zum Hochzeitstermin nicht fertig. Also musste man sich nach der Hochzeit am 05.12.1666 zunächst mit einem Festmahl, einem gewaltigen Feuerwerk am 8. Dezember sowie einem „normalen“ Ballett am 13. Dezember begnügen. Am 24.01.1667 folgte dann ein üppiges „Rossballett“ im Burghof, bei dem auch der Kaiser als Reiter mitwirkte.

Die Oper

Leopold machte den Sänger, Organisten und wahrscheinlich bedeutendsten Opernkomponisten der damaligen Zeit, Marc Antonio Cesti (1623-1669) 1666 zu seinem Vizehofkapellmeister und gab ihm sogleich den Auftrag für eine gigantische Huldigungsoper anlässlich seiner anstehenden Vermählung. Das Libretto kam von Francesco Sbarra, die Balletteinlagen komponierte Heinrich Schmelzer und auch der Kaiser selbst steuerte zwei Szenen bei. In einem Prolog und 5 Akten wird in 23 Szenen die mythologische Geschichte von Paris, der durch Vergabe eines goldenen Apfels an eine von 3 konkurierenden Göttinnen deren Wettstreit entscheiden soll und dadurch in der Folge sogar den Trojanischen Krieg auslöst, derart umgearbeitet, dass dieser Apfel letztlich an die junge Kaisergemahlin geht. Genaueres erfährt man in der wunderbaren Aufbereitung von Daniela Franke.

Eine derartige Geschichte zu erzählen braucht ihre Zeit und daher teilte man – als es anlässlich des 17. Geburtstags von Margarita Teresa 1668 endlich zur Uraufführung kam – das Spektakel mit einer Gesamtspielzeit von rund 9 Stunden auf zwei Aufführungsnachmittage  am 12. und 14. Juli auf. Anders als heute oft üblich war man damals neugierig auf Neues, „Modernes“. Also wurden permanent neue Opern geschrieben und „Il pomo d’oro“ geriet – wohl auch bedingt durch den frühen Tod der Widmungsträgerin mit nur 22 Jahren – in Vergessenheit.

Die Österreichische Nationalbibliothek verwahrt in ihrer Musiksammlung, deren Leiter Benedikt Lodes sich intensiv mit diesem Werk beschäftigt hat, ein komplettes Textbuch sowie Partituren vom Prolog und den Akten 1, 2 und 4. In Modena wurden Partituren der Akte 3 und 5 gefunden. Alles zusammen sicher eine gute Basis, um eine praktikable Fassung für die „Revitalisierung“ dieses bedeutenden Musikdramas zu erstellen.

Das Opernhaus

Der intensiven Forschungsarbeit von Andrea Sommer-Mathis (Österreichische Akademie der Wissenschaften) ist es zu danken, dass wir mittlerweile über die verschiedenen Aufführungsstätten für (Opern)Theater in Wien zur damaligen Zeit gut Bescheid wissen (Redoutensäle in der Hofburg, Jesuitentheater in der Alten Universität, u.a.m.). Details finden sich in ihren Beiträgen zum Thema „Fest und Festung„, 2010 sowie „The Imperial Court Theater„, 2017.

Das – abgesehen von den Fundamenten – zur Gänze aus Holz errichtete Opernhaus wurde von Lodovico Ottavio Burnacini (1636-1707) entworfen und errichtet. Es war außen völlig schmucklos, innen aber prächtig ausgestaltet und bot – in Abwägung verschiedener Quellen – wohl rund 2000 Personen im Zuschauerraum Platz (das entspricht dem Fassungsvermögen der heutigen Wiener Staatsoper). Den genauen Vorgaben des kaiserlichen Bauauftrags ist zu entnehmen, dass es etwa 65m lang und 27m breit sowie im Inneren knapp 15m hoch war. Wobei zu bemerken ist, dass fast die Hälfte der Grundfläche für den Bühnenbereich mit Kulissen, Versenkungen und Schwebevorrichtungen, Windmaschinen und Beleuchtungseffekten benötigt wurde.

Zur Verzögerung des Baus trug sicher auch bei, dass für diesen nicht weniger als 130 Baumstämme mit 24,60m Länge sowie weitere 16 bis 20 Stämme Espenholz für die Zuschauergalerien benötigt wurden. Die Kosten für die Errichtung und Ausstattung beliefen sich auf beachtliche 24.700 fl (Gulden; heute müsste man für ein derartiges Gebäude ein Budget von zumindest € 20 Mio. veranschlagen).

Schon 1672 mussten wegen evidenter Bauschäden Reparaturen vorgenommen werden und im Zuge der Türkenbelagerung 1683 wurde dieses damals wohl größte Opernhaus der Welt abgebrochen, da man fürchtete, dass es bei Beschuss in Brand geraten und derart die knapp daneben liegende Hofburg gefährden könnte. Auf einem Vogelschauplan der Stadt von 1684 kann man die noch verbliebenen, gemauerten Fundamente des Theaters erkennen.

Inszenierung

Lodovico Burnacini war nicht nur ein vielbeschäftigter Architekt (auch der Leopoldinische Trakt der Hofburg und viele weitere Bauten und Denkmäler in Wien stammen von ihm), sondern auch ein genialer Bühnenbildner und Meister der Theatertechnik. Für die Aufführung von „Il pomo d’oro“ entwarf er 23 Kulissen, die in kolorierten Stichen von Melchior Küsel dokumentiert wurden und in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten sind.

Neben der großen Zahl an Gesangssolisten, Chor, Ballett und Orchester gab es mehr als tausend Statisten und auch lebende Tiere auf der Bühne. Barocke Gigantomanie, heute kaum vorstellbar und doch irgendwie sehr modern anmutend.

Sicher wäre es wert, sich der Herausforderung zu stellen, dieses Meisterwerk des Barock wieder erlebbar zu machen. Wer wagt es?